Berliner Brettgeschichten

Die Clubs der Hauptstadt inszenieren sich im Sustainable Design. Der Look einer Gegenkultur ist zum Mainstream geworden.

Alle Menschen sind gleich. Alle Clubs auch. Zumindest in Berlin. Ob Renate, Else, about blank, Rummels Bucht, White Trash, Sisyphos oder Kater: Es ist mächtig Holz in den Hütten.
Getanzt, getrunken und geflirtet wird auf und hinter Brettern.
Der holzig-herzliche Handmade-Look als Darstellungsform einer Individualität, die nicht aneckt, ist ja nicht neu. In zärtlich angeranzten Kaffees, die ihr multikorrektes Angebot in der Handschrift der Gentrifizierung auf Kreidetafeln kritzeln, wie im Berliner Clubbetrieb heißt es schon seit längerem Nageln mit Köpfchen.
Bar 25 oder Festivals wie die Fusion haben es mit ihrem verspielten Re- und Upcyceling-Gebastel vorgemacht. Sie kamen originell und glaubwürdig auf der DIY-Welle angebrettert, in der Selberschrauben keinen Mangel, sondern Zeit und Einfallsreichtum also Luxusprivilegien kennzeichnete. Damit schufen sie gut verdauliche Neuinterpretationen des Planken-Punks der Hausbesetzer- und Wagenburgszene, die zu Berlins wildem Image beitrug, aber no future hat.

Nonchalance als Chance.

Die aus Euro-Paletten zusammengeklöppelten Bars, Bänke und Baumhäuser der Clubs säuseln Nähe zu einer unverfälschten Ursprünglichkeit, in der man sich befreit feiernd in kindlichregressive Muster sofortiger Bedürfnisbefriedigung zurückfallen lassen kann. Die urigen Pop-Paleo-Partys mit Ponyhofflair liefern dazu ein bio-natürliches Ambiente, bei dem man sich auch unter dem Einfluss chemischer Drogen wohlnaturiert fühlen kann. Hier gibt es die Lizenz zum Loslassen wie auf dem Spielplatz sorgloser Kindheitstage, als noch nicht alles so perfekt sein musste.

Abschotten zum Abhotten.

Gerade, wenn es um einen herum nicht so geleckt ist, können schnell mal ungeahnte Formen ästhetischer Unbesorgtheit in Broken Window-Manier das Ruder an sich reißen. Gut, dass dann hinter den Stacheldraht-Bretterzäunen bleibt, was dort passiert. Denn Fotos sind in den Gated Party Communitys verboten oder zumindest verpönt. Da könnte man ja gleich mit dem Rollkoffer kommen – und das darf nur der DJ.

Stand-Alone bis keiner mehr steht.

Das Selbstverwirklichungsgehämmer hat auf dem großen Berlin-Party-Wachstumsmarkt zwar seine Originalität verloren, doch die Nachfrage steigt. Da, wo Berlin am Nachhaltigsten erscheint, ist es am Hipsten. Viele Clubbetreiber haben längst gewittert: Das sind die Bretter, die Geld bedeuten und schrauben kräftig mit an einer Berlin-Identität, die Entfaltungsspielräume – Platz und Grün noch sei Dank – verspricht: süß fehlerhaft, geil frei. So oszillieren immer mehr Partyparadiese der Stadt zwischen Baumarkt- und Landlustfeeling. Ihre vermeintlichen Authentifizierungs- und Personalisierungsstrategien lassen diejenigen aufatmen, die einer komplexer werdenden Welt mit Slow-Grow im Blumenkasten begegnen.

From Dance to Lenz.

Die zahlreichen Lenzflächen in den Clubs kommen einem älter werdenden Publikum, das auch mal verschnaufen muss, entgegen. Wer beim Entspannen etwas Verantwortung übernehmen  will, kann beim Urban Garding auf dem Tempelhofer Feld, im Prinzessinnen-, Klunker- oder Schrebergarten auch als Tinder-Single seinen Samen zur Frucht bringen. Hier sieht es fast so aus wie im Club und man darf auch Profilfotos machen. Das ganze gedeiht prächtig – wohl so lange, bis der grüne Smoothie-Hype ins Gras beißt.
Irgendwann heißt es wieder zurück zum Beton, zurück zur U-Bahn zurück zum Beton. Und dann trifft man die Touristen wieder im Berghain.

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