Was macht ein Pantomime eigentlich so beruflich?

Elias Elastisch! Wenn man dem Internet glauben darf, bist du „Berlins derzeit prominentester Pantomime“. 2016 hattest du über 100 Auftritte deutschlandweit und hast dich mittels einer extra für dich geschriebenen Rolle sogar in eine Mozart-Oper geschmuggelt. Du bist also kein Nebenjob-Jongleur. Du bist Vollblutprofi. Die professionalisierte Form der Rampensau!

Danke für die Blumen!

Doch um das hier gleich einmal klarzustellen – das alles interessiert mich gar nicht. Ich will wissen, was dahinter steckt. Lass uns deshalb Backstage gehen! Erzähl uns: was nötig ist, damit du so funktionierst, wie du funktionierst?

Du willst also über meinen Alltag reden?

Exakt! Was macht so ein Künstler, wenn er nicht auf der Bühne steht? Wie arbeitest du? Was zum Beispiel hast du heute gemacht?

Zuerst war ich damit dran, meine beiden Kinder in die KITA zu bringen. Danach habe ich mir einen Tee aufgebrüht. Dann ging es in die Proben.

Wo genau probst du?

Das ist ganz unterschiedlich. Für den Alltag habe ich mir ein kleines Atelier zu Hause eingerichtet. Das ist ein knapp 10 m² großer Raum. Zugegeben er ist nicht gerade weitläufig, aber mit allem Drum und Dran und Drin: Wandspiegel zum Selfcheck, Garderobe für Kostüme und ein wandhohes Regal für tonnenweise Requisiten. Da gibt es Kisten mit falschen Bärten oder Zähnen, Schmuck und alle Arten von Accessoires. Im Endeffekt ist das ein bis zum Rand gefülltes Kabinett, wo aber alles genau seinen Platz hat.

10 qm reichen dir wirklich aus?

Nicht immer. Wenn ich mehr Fläche zum Proben brauche, bin ich mit ein paar Hausprojekten vernetzt und arbeite dort – oder darf hin und wieder die Kirche der benachbarten Baptistengemeinde benutzen. Den Pfarrer dort hatte ich einmal gefragt, ob ich in seinen Räumen einen Jonglier-Treff organisieren darf. Seitdem er eine meiner Shows gesehen hatte, haben alle meine Aktionen offiziell Gottes Segen. Ein interessantes Gefühl.

Du arbeitest also viel zu Hause?

Ja, zwischen 9-15 Uhr sind meine Frau und die Kinder nicht da. Das ist mein Zeitfenster. Zuerst gibt es ein kurzes Warmup mit etwas Kraft- und Ausdauertraining. Danach folgen das typische Figuren-ABC eines jeden Pantomimen: das dynamische Gehen (das Gehen auf der Stelle) die Trickbeuge und all die ganzen Fixpunktsachen für den Körper. Schließlich fließt alles irgendwann ins Szenische über. Dann werden gerade aktuelle Figuren und Rollen geprobt.

Du hattest vorhin von deinen Requisiten gesprochen. Und ich glaube, da auch etwas Schwärmerisches in deiner Stimme mitklingen gehört zu haben. Bist du stolz auf deinen Fundus?

Auf jeden Fall! Das ist alles über Jahre hinweg zusammengetragen.

Wie gelangt man zu so einem Schatz?

Zum einen gibt es da die großen Verkleidungsläden wie Deko-Behrendt, Deiters oder Maskworld. Da bin ich längst Stammkunde und habe überall meine speziellen Dudes, die genau wissen, worauf ich Wert lege. So richtige kleine Schätze findet man aber auch in Kleiderboxläden wie Humana oder auf Flohmärkten und manche Sachen finde ich auf Ebay. Man muss einfach immer die Augen offen halten!

Hast du dann auch so richtige Shopping-Termine, wo du stundenlang einkaufen gehst? So ein Kostüm will ja auch gut zusammenkomponiert sein.

Zwar gibt es zu Beginn von Projekten auch Phasen, wo man sicher gezielter sucht. Aber eigentlich kaufe ich die Sachen einfach, weil sie mich begeistern. Anfangs wandern sie auch einfach nur in mein Kabinett. Aber wenn ich dann an einer neuen Figur arbeite, findet jedes Ding irgendwann seine Bestimmung. So ist es dann auch viel einfacher eine Figur, die einem gerade im Kopf vorschwebt, aus dem vorhandenen Fundus heraus zu erschaffen, anstatt sie erst umständlich zusammenzukaufen.

Kreativität bedeutet also auch für dich, sich darauf einzulassen, dass man ohne das eigentliche Ziel zu kennen, trotzdem ankommt?

Nicht nur das. Kreativität bedeutet für mich auch, dass man sich immer erst einen großen Fundus aus sowohl Bewegung als auch Kostümierung anlegen muss, bevor man daraus schöpfen kann. Natürlich hat das irgendwie auch immer etwas mit Zufall zu tun. Aber das eigentliche Geheimnis lautet schlicht: Kombination!

Kombination also als Euphemismus für die Domestizierung des Zufalls. Das gefällt mir. Doch zurück zum Punkt: jetzt haben wir also Elias Liermann als raffiniert kostümierten und technisch versierten Mimen vor uns stehen. Wie aber kriegen wir den jetzt auf die Bühne? Und wo trittst du eigentlich überall auf? Kannst du dir das aussuchen?

Als Freiberufler suche ich mir meine Auftritte selbst aus – das stimmt. Ich habe mir zwei wichtige Standbeine aufgebaut: Zum einen meine eigenen vielen verschiedenen Bühnenshows, die mir auch verdammt viel Spaß machen, und zum anderen gebuchte Walk-Acts. Bei letzterem schlüpfe ich in eine vom Kunden gewünschte Rolle und verkörpere die dann auf Messen, Galas, Hochzeiten oder Geburtstagen.

Und ich wette, nur eins der beiden Standbeine bringt wirklich Geld.

(lacht) Stimmt! Und aus irgendwelchen Gründen sind es nicht die Bühnenshows.

Warum spezialisierst du dich dann nicht auf Walk-Acts?

Warum sollte ich? Spezialisierung würde für mich in dem Fall ja Einschränkung bedeuten. Ich bin ein Bühnenmensch. Klar, dauernd nur Walk-Acts performen, würde mich nicht erfüllen. Ich muss auch Stücke spielen können! Und da ich mit den Walk-Acts gutes Geld verdiene, kann ich damit nicht nur meinen Lebensunterhalt, sondern auch teilweise meine Bühnen-Shows realisieren. Das gehört alles zusammen. Außerdem lernt man auch ungeheuer viel bei Walk-Acts. Da treffe ich auf Gesellschaftsgruppen, mit denen ich sonst nie in Kontakt käme. Das ist alles super spannend. Und davon fließt später viel in meine Bühnenprogramme ein. Hier hole ich mir einen ordentlichen Teil meiner Inspiration.

Offenbar lässt du dich für deine Recherchearbeiten gut bezahlen…

Ganz genau (lacht) – ist Kapitalismus nicht etwas Wunderbares?

Er ist auf jeden Fall, was man selbst draus macht – ja. Aber ich würde mit dir lieber noch über dein weniger einträgliches Standbein, die Bühnenauftritte, reden. Bucht man dich da auch oder musst du dich noch selbst drum kümmern? Oder um gleich ganz konkret zu fragen: wie zum Geier bist du an die Mozart-Oper im Bode-Museum gekommen?

Das war eine Mischung aus Mundpropaganda und gutem Timing. Über Frank Döllinger bin ich an Christoph Hagel, den Initiator der Oper, geraten. Der war von meinem Spiel offenbar recht angetan und ließ mir deshalb eine Rolle in die Oper schreiben. Ich fand die Idee toll, etwas Neues auszuprobieren und er erkannte, dass die Pantomime – gerade durch ihre Lautlosigkeit – der Opernaufführung eine interessante Klangfarbe verleihen konnte. Christoph und ich haben Mozarts Oper einfach ein wenig aufgepimpt.

Gut, da wurdest du also mehr oder weniger gefunden und gebucht. Wie aber entstehen deine anderen Projekte – Zirkus Kardaka zum Beispiel? Da geht doch sicher nichts ohne Eigeninitiative!

Auch da fing alles mit so etwas wie Mundpropaganda an: Ein Freund erzählte mir 2015 von seinen Auftritten in Flüchtlingsheimen. Da wollte ich unbedingt auch was machen. Ich telefonierte ein wenig in meinem Kollegenkreis aus der Etage herum und hatte schnell einen ganzen Haufen Engagierter an der Hand. Zusammen entstand die Idee von einem Zirkus mit ordentlichem Balkan-Flair. Weil Zirkus jeder kennt und jeder versteht, hielten wir das für eine gute Idee. Sechs Shows haben wir in Flüchtlingsheimen gespielt und dabei das Programm immer weiter ausgebaut. Die Zuschauer waren begeistert und mittlerweile ist das Ganze eine Art Selbstläufer geworden – auch außerhalb der ursprünglich anvisierten Zielgruppe.

Ihr habt euch also einfach von der Energie der Zuschauer treiben lassen.

Auf jeden Fall! Und das ist doch der Punkt: Jeder von uns will spielen und hat tausend Geschichten zu erzählen. Wenn man das dann noch mit einem guten Zweck verbinden kann und für ein paar Momente Menschen aus ihrem tristen Alltag befreit, na dann los! Und so visuelle Künste wie Pantomime, Clownerie, Akrobatik und Tanz scheren sich doch einen Scheiß um Sprachbarrieren. Uns versteht man auch in Syrien, Marokko oder im Tschad. Und wenn dann so ein Bühnenprojekt, das ursprünglich für Flüchtlinge konzipiert war, plötzlich auch mitten in Berlins Hipster-Zentrum zum Erfolg wird – was beweist das denn anderes, als das wir alle gleich sind? Unsere Zungen sprechen vielleicht unterschiedliche Sprachen, unsere Herzen aber dieselbe.

Elias, du listiger kleiner Sozialromantiker! Ich bedanke mich für das Gespräch und die ungeschminkten Einblicke in den harten aber erfüllenden Arbeitsalltag eines Pantomimen-Darstellers.

Tourdaten von Elias Elastisch // Elias Elastisch auf Facebook

Fotos: Oliver Petrus

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