Upcycling ist Kunst! So macht man aus wirklich jedem Gegenstand etwas Besonderes.

Irina Ilieva ist freie Architektin, Galeristin und gebürtige Bulgarin. In ihrer Ausstellung „EX und HOPP?“ gibt’s unentdeckte Schönheit industriell gefertigter Nutzmuster statt Konsumkritik. Im Interview verrät sie, wie man aus wirklich jedem Gegenstand etwas Besonderes machen kann.

In deiner Pressemitteilung erklärst du der Wegwerfkultur mit der Umfunktionierung von bereits hergestelltem Material den Krieg, produzierst daraus jedoch ausschließlich dekorative Elemente. Welche Funktion erfüllt Dekoration in deinen Augen?

Wir betrachten dekorative Elemente aus einer neuen Perspektive. Die Industriepaletten wurden nicht aus dem Grund hergestellt hübsch auszusehen. Allein die wortwörtliche Veränderung der Perspektive vom horizontalen Legen aufs vertikale Stellen legt eine Ästhetik frei, die in der ursprünglichen Herstellung nicht im Entferntesten angedacht war.

Welche Einrichtungsgegenstände in deiner Wohnung bestehen aus umfunktioniertem Material?

[lacht] Bei mir zu Hause? Wenn ich etwas kaufe oder baue, habe ich den Anspruch, dass ein Möbelstück immer mindestens zwei Funktionen besitzt. Ich besitze zum Beispiel ein sehr flexibles MDF-Platten-Regalsystem von Cubit. Es ist so multifunktional, dass ich wie mit LEGO-Steinen nicht aufhören kann, damit zu spielen.

Denkst du, dass wirklich jeder Gegenstand in etwas Besonderes umfunktioniert werden kann, oder gibt es da auch Grenzen?

Nein, nein, nein.

Ausnahmslos jeder Gegenstand kann umfunktioniert werden?

Ja.

Jeder Gegenstand?

Klar.

Ich trete hier einen der Steine aus dem Bürgersteig. Was kann ich damit anfangen?

Mit Steinen? Da kannst du ja nun echt tausend Sachen mit machen! [lacht]

Du kannst sie zertrümmern, Löcher reinbohren, ein Seil durch und Schwupps hast du eine ziemlich urbane Halskette.

Okay. Was ist mit den Kippen in diesem Aschenbecher?

Ich würde sie an Schnüren aufhängen, die Schnüre an einem Stock befestigen und fertig ist der Vorhang/Raumtrenner.

Eine hervorragende Idee, um mein Schlafzimmer bei der nächsten Home-Party abzusperren!

[lacht]

 

Marcel Duchamp kritisierte die Ausstellung von Alltagsgegenständen in der Kunst, indem er ein Pissoir von der Wand riss, es auf ein Museumspodest stellte und es „Springbrunnen“ nannte. Und all das im Jahre 1917. Diese Kritik ist fast einhundert Jahre später immer noch gültig. Warum macht es uns so glücklich Alltagsgegenstände Sterne der Kunstwelt werden zu lassen?

Wir erfreuen uns am Perspektivwechsel. Auf einmal lösen sich alle bestehenden Kategorien auf. Ein Pissoir ist zum Pinkeln da, fertig. Das haben wir gelernt. Damit sind wir aufgewachsen. Wenn wir bemerken, dass wir selbst den Gegenständen in unserer Umgebung ihre Bedeutung geben können, dann ist das, als ob uns jemand wachrüttelt. Es ist, als ob uns jemand an unsere eigene Schaffenskraft erinnert.

Mehr Irina Ilieva unter: www.art.aquabit.com

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