Thanks Obama – wem wir das Kreuz auf dem Humboldtforum wirklich verdanken.

So etwas liebt Berlin: geiles Wetter und feiernde Fans! Euphorisch wie bei einem im Endspiel verwandelten Elfmeter bejubeln orange Party-Christen Martin Luther und den 500. Jahrestag der Reformation. Endlich wieder Sommermärchen! In der VIP-Lounge übrigens der protestantische Papstersatz, Barack Obama, und sein treuer Sidekick, Angelika Merkel:

Vergnügt plaudern beide ins Blaue hinein: Merkel lobt, dass mit Columbus‘ Entdeckungen (1492) die guten Beziehungen zwischen Amerika und Europa begonnen hätten und Obama beschwört, dass wir einfach daran glauben müssen, dass wir unter einem gütigen Gott leben. Ausgelassen prosten sich beide Komplimente zu und rechtfertigen zivile Kriegsopfer oder Abschiebungen nach Afghanistan mit der Verantwortung gegenüber der eigenen Bevölkerung. Zwar haken die Moderatoren nach, kommentieren aber nicht. Die protestantische Bühne ist ganz in der Hand weltlicher Politik. Es geht um wahlkampftaugliche Wohlfühlbilder. Der Deutsche Evangelische Kirchentag 2017 ist Merkels Triumph des Chillens.

Merkel und Obama auf dem Evangelischen Kirchentag 2017 dpa )

Es ist ein unglaublich freundliches und weltoffenes Christentum, dass mit unbeschwertem Bekennermut durch die Straßen Berlins zieht; eine Stadt, in der übrigens 64,5 % der Bevölkerung konfessionsfrei sind. Doch diese knapp zwei Drittel der Bevölkerung stören sich nicht an den orangen Horden – in Berlin hat jeder seinen Platz! Alles könnte also so wunderbar sein! Ist es aber nicht. Denn an der etwa zeitgleich losbrechenden Schlosskreuz-Debatte zerbricht die Wohlfühlkulisse einer aufgeklärten Symbiose aus Gesellschaft, Staat und Religion.

Und um das gleich zu Anfang klarzustellen: ich will gar nicht darüber diskutieren, ob das Kreuz auf das Humboldtforum gehört oder nicht. Viel interessanter als dieses blöde Kreuz finde ich die aktuelle Debatte darum. Schauen wir uns die also einmal etwas genauer an:

Ursprünglich war aus Kostengründen die Schlossfassade ohne Kuppel geplant. 2013 hatte dann ein anonymer Spender mehrere Millionen locker gemacht. Offenbar war ihm diese Kuppel auf dem Schloss sehr sehr wichtig. Eine weitere Spende (ca. 1 Mio. Euro von Inga Maren Otto ) ermöglicht jetzt sogar das Kreuz. Als das am 18. Mai bekannt wurde, sprachen sich DIE GRÜNEN und DIE LINKE dagegen aus; das Kreuz auf dem Humboldtforum gefährde die Neutralität des Museums.

So wenig überraschend wie die Haltung von GRÜNEN und LINKEN war, so wenig überraschend ist das Contra vonseiten der CDU. Der Fraktionsvorsitzende Volker Kauder hält eine Schlosskuppel, die immer schon ein Kreuz besessen habe, für absurd. Für die Kulturstaatsministerin Monika Grütters gehört das Kreuz dazu, weil „unsere Kultur der Offenheit, Freiheit und Barmherzigkeit […] ihre Wurzeln in unserem christlichen Menschenbild“ hat. Thomas de Maizière schließlich – eigentlich ein Gegner der Schlosskulisse – meint schlicht, wenn das Schloss schon gebaut werden soll, dann zumindest ganz!

Selbstredend mischten sich auch die Kirchen mit ein: Der katholische Erzbischof Heiner Koch feiert das geplante Kreuz als: „Zeichen der frohen Botschaft des christlichen Glaubens für alle Menschen“. Und der evangelische Bischof Markus Dröge warnt:

Wer das Kreuz auf dem Humboldt-Forum kappen will, verdrängt die Fakten unserer christlich geprägten Kultur.

Übrigens auch Aiman Mazyek, den Vorsitzender des konservativen Zentralrates der Muslime, stört das Kreuz auf dem Museum nicht – na da bin ich aber beruhigt.

Beschwichtigend versuchten die zuständigen Museologen, Neil MacGregor und Hermann Parzinger, einzugreifen. Sie betonen: Genauso wie die Putten und Preußenadler an der Fassade, genauso sehen sie das Kreuz als reinen Dekor, der eben zur Fassade gehöre und deshalb mitgebaut werden müsse. Um Konsens bemüht schlugen sie außerdem vor, den Schriftzug, „Zweifel“, den 2006 der norwegische Künstler, Lars Ramberg, auf den zum Abriss verurteilten Palast der Republik gesetzt hatte, nun auf den modernen Teil der Fassade des Humboldtforums zu platzieren. Immerhin, der Zweifel stelle ja einen zentralen Bestandteil der Aufklärug dar.

Ramberg-InstallationJula2812/Wikimedia Commons) und fast fertiggestellte SchlossfassadeChristian Lohse/Berliner Zeitung)

Zugegeben, die Idee mit dem Schriftzug ist irgendwie verführerisch. Doch beruhigen kann sie niemanden. Mittlerweile dämmerte nämlich auch anderen, was für eine Fassade da eigentlich rekonstruiert wird. Am 23. Mai legte der Tagesspiegel vor und outete die Kuppel als „politisches Symbol […] für eine unselige Allianz von Krone und Kirche und für die Niederschlagung der ersten deutschen Demokratiebewegung mit militärdiktatorischen Mitteln.

Tja, und was soll ich sagen – ganz falsch ist das nicht: Der damalige preußische König, Friedrich Wilhelm IV. (1840-1861), hielt sich für von Gott gesandt und zerschlug in schönster Assad-Manier die aufkeimende demokratische Bewegung blutig. Mit der 1854 fertiggestellten Kuppel samt bekrönendem Kreuz verkündete der König dann, wer wieder Herr in Preußen war; nämlich er; im Schlepptau mit seiner protestantischen Staatskirche. So eine Info kann man im 21. Jahrhundert ruhig wieder aufbauen – warum denn nicht…

Zukunftsvision mit historischem Beigeschmack: das geplante Humboldtforum Stiftung Schloss-Humboldtforum/Golden Section Graphics)

Doch zurück zum Punkt: Wir haben nun gesehen, wer für das Kreuz ist und wer dagegen. Natürlich stehen progressive Kräfte wie DIE GRÜNEN und DIE LINKE traditionellen Symbolen skeptisch gegenüber und treten für einen Staat ein, der gegenüber allen Religionen neutral auftritt. Das Kreuz aber wäre in diesem Zusammenhang eine einseitige Aussage zugunsten des Christentums – was nebenbei gesagt der im Grundgesetz verankerten staatlichen Pflicht zur fördernden Neutralität widerspricht 11.

Zwar bestreiten einerseits die Museologen, MacGregor und Parzinger, dass das Kreuz auf der Kuppel als christliches Zeichen angedacht ist. Doch andererseits bestätigen die Statements von Kulturstaatsministerin Grötters und den beiden Bischöfen eben genau das. Für sie ist das Kreuz Zeichen des christlichen Glaubens. Es wäre also naiv zu glauben, dass das Kreuz auf der Kuppel des Humboldtforums keine christliche Strahlkraft entfalten wird.

Um das zu verhindern, wird gerade diese Debatte geführt. DIE GRÜNEN und DIE LINKE – beides Regierungsparteien in Berlin – versuchen dabei ihrer staatlichen Neutralitätspflicht nachzukommen. Dummerweise aber ist es dafür längst zu spät. So schwer es mir auch fällt, das einzugestehen; der Bundesinnenminister, Thomas de Maizière, hat recht: Mit dem Beschluss, dem Humboldtforum die Barockfassade des Berliner Stadtschlosses vorzublenden, hatte man sich darauf geeinigt, diese Schlossfassade originalgetreu wiederherzustellen. Das war der Fehler! Die Kulissenarchitektur jetzt nachträglich durch das Weglassen bestimmter Details ‚redaktionell‘ zu bearbeiten, würde das Projekt endgültig zur Farce degradieren.

Dieses Kreuz ist der notwendige Folgefehler.

Alles, was uns bleibt, ist uns in zynischer Gelassenheit zu üben! Ich zum Beispiel stelle mir einfach die feierliche Einweihung des Humboldtforums vor: All die gequält lächelnden Gesichter der geladenen Staatsgäste und international renommierten Museologen, die dazu klatschen müssen, dass ein ethnologisches Weltmuseum mit barocker Außenhülle und christlichem Kreuz obendrauf das „prominenteste Kulturbauvorhaben“ Deutschlands darstellen soll. Genau Deutschland; so geht Aufklärung! Die Gebrüder Humboldt – nachdem der ganze Schuppen ja benannt ist – wären so richtig stolz auf euch.

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