Wie trauert man richtig? Tod ist, was die Beerdigung daraus macht.

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Und ich hatte gedacht, mich könnte nichts mehr schocken – als Wendekind, Scheidungskind, Halbwaise…

Ein Umschlag im Briefkasten. Der Absender in der geschwungenen Handschrift meiner Großeltern. Es war weder Weihnachten noch hatte ich Geburtstag. Meine Gefühls-Skala pendelte zwischen naiver Neugier und arterienverkalkender Anspannung. Ich erinnerte mich an unser letztes Telefonat: „Wir wissen nicht mehr, wie lange wir noch“, dann legten sie auf.

Ich schmiss mich auf mein viel zu hartes Kokosfuton-Bett und starrte auf den Umschlag. Dann stellte er mir eine Frage: Wieviele amerikanische Serien musst du eigentlich noch gucken, bis du endlich erwachsen wirst? So richtig mit Eiern. Und Frustrationstoleranz. Und Krisenmanagement. Und den Tatsachen ins Auge sehen.

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Das war mir zu viel. Ich schlief auf der Stelle ein. Meine Augenlieder öffneten sich, meine Finger öffneten den Umschlag, ich hielt eine bunte Faltkarte in den Händen. Darauf zu sehen war ein Regenbogen in der Wüste und ein Schriftzug „Wir nehmen Abschied“. Holy shit. Das reicht. Fuck. Ich will gar nicht wissen von wem. Das hält doch keiner aus!

Mir wurde schlagartig klar, dass ich meine Lebenszeit mit unterbezahlten Medienjobs verhurt hatte. Darüberhinaus umfassten meine Prioritäten: die Suche nach dem besten Burgerladen Berlins, endlich mal ein Buch zu Ende zu lesen und meine Haare. Aber darauf scheiß ich jetzt. Auf Drei Wetter Taft, auf die Top-ten-Listen-Macher und auf die Produkt-Zielgruppe. Die können mich jetzt alle mal. Ich werde allem abschwören was nicht unter der Flagge familiärer Nächstenliebe weht. Ich kündige. Noch heute. Geld spielt keine Rolle. Blut ist dicker als Cash. Ich rufe jetzt alle an. Noch heute. In nächster Zeit wird viel getrunken.

Das Lieblingstier meiner Familie ist und bleibt der Zapfhahn.

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Dann klappte ich die Karte auf. Meine Großeltern waren nicht gestorben. Mein Cousin war tot. Am ersten Januar. Am Sylvestermorgen. In Buenos Aires. Er war neunundzwanzig. Der Vibrationsalarm. Meine Halbschwester. Ob ich es schon gehört hätte. Er ist vom Dach gefallen. Normalerweise stirbt man davon nicht. Nicht aus dieser Höhe. Die Statistik war gegen ihn. Aber wie vieles in seinem Leben, hatte er es trotzdem geschafft. Sie fragte, ob ich zur Beerdigung kommen würde. Sie wies mich auf den Dresscode hin. Schon niedlich irgendwie. Als wenn das meine erste Beerdigung gewesen wäre.Das Wetter ist bei jeder Beerdigung ein Spektakel. Es ist fast so, als ob es einen Gott geben würde.

Als mein Adoptivvater beerdigt wurde, schneite es im Hochsommer. Bei meiner Oma mütterlicherseits waren es siebzehn Grad im Dezember.

 

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Als wir auf dem Friedhof in Potsdam einfuhren, erstrahlte der Himmel in französischem blau. Gehäufter Kristallschnee auf Tannenwipfeln blendete uns wie millionenfach perfekt angewinkelte Spiegelscherben. Meine Tante, mein Onkel, seine große Schwester. Sie gingen allen voran. Sie sahen müde aus. Sie hatten seitdem nur gegessen, um zu überleben. Ihre Augen waren zum Selbstschutz seelenlos. Wir versuchten irgendwie damit umzugehen. Vielleicht war das pietätlos. Auf jeden Fall lachten wir viel. Und laut. Das müsse aufhören, wenn wir in der Kirche sind – so mein Vater. Wir stünden hier immerhin unter Beobachtung.

Wie trauert man richtig? Man trägt schwarz. Wer Würde hat, trägt Anzug. Das Hemd darf auch mal blau sein. Oder weiß. Bloß kein T-Shirt. Hauptsache Hemd. Jedoch befanden wir uns im Winter des 21. Jahrhunderts. Und so fand ich mich inmitten eines quietschbunten Trauerhaufens aus North Face, Jack Wolfskin, oder Drittanbieterfunktionsjacken wieder.

Der Pfarrer öffnete die schweren Kirchentüren. Dann stand er eine Weile da. Sein Blick schweifte über die Köpfe auf Halbmast. Als ob er durchzählen würde, ob es sich gelohnt hatte, aufgestanden zu sein.

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Wir waren der Etikette hilflos ausgeliefert. Niemand wusste so recht, wer jetzt genau wem den Trauervortritt lassen sollte. Der Pfarrer klatschte, dem Anlass entsprechend, sanft in die Hände und sagte: „Sie können jetzt eintreten.“ Was die Frage in keinster Weise beantwortete. Und so setzte sich die Menge wie ein Verbund segelloser Schiffe träge schwankend in Bewegung.

Die Höhle der Trauer war mit ihren liebevoll türkisblau gestrichenen Kirchenschiffen und goldenen Mosaiken der heiligen Maria wirklich schön anzusehen. Nur die Palmen – die gingen gar nicht. Nicht nur, dass sie in einem äußerst bedauernswerten Zustand waren. Mehr braun als grün heißt bei mir zu Hause, ab in die Tonne.

Das schlimmste an diesen blöden Palmen war, dass ich hier schon emotional auf dem Zahnfleisch kroch und jetzt auch noch an das endlose Blutvergießen in Jerusalem erinnert werden musste.

 

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Ich versichere Ihnen meine Anteilnahme. Seien Sie meiner Anteilnahme gewiss. Mein Beileid. Ich spreche Ihnen mein Beileid aus. Ich drücke Ihnen mein Mitgefühl aus. Mein Mitgefühl. Auch ich trug mich in das Kondolenzbuch ein. Dann entschied ich mich für die Trauerkerzenvariante ohne Milchglas und lief den längsten Gang meines Lebens zum unaufgebahrten Sarg meines Cousins. So stelle ich mir die Hölle vor. Die Szene beginnt. Ich schreibe in das Buch. Nehme mir die Kerze. Schlurfe als Teil der schluchzenden Meute vor den Sarg. Gehe in die Knie. Versuche unter Schmerzen meine wundgeschluckte Kehle zu befeuchten. Stelle die Kerze ab. Schnitt. Wieder auf Anfang. Mit dem Stift in der Hand vor dem Kondolenzbuch.

Meine Hände fühlten sich ohne die Kerze plötzlich so leer an. Ich setzte ich mich zu meinem Vater, meinen Halbschwestern und seiner Frau.

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich dieses Gefühl hatte, irgendwo hinzugehören. Insgeheim war ich aus genau diesem Grunde hier. Das soll nicht heißen, dass ich mich auf die Beerdigung gefreut habe. Keine Angst, Herr Psychologe.

 

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Sehr verehrte Studenten der medizinischen Fakultät. Ich freue mich, dass wir uns zu diesem Spektakel versammelt haben. Wir werden jetzt den Verlust eines Angehörigen unter dem Magnetresonanztomographen betrachten. Lassen sie uns loslegen. Energie! Ja, wirklich erstaunlich…die Menge des ausgeschütteten Glückshormons Oxytocin. Also behielt Kant doch recht mit seiner Annahme, indem er das Mitgefühl als Mitfreude oder als Vergnügen am Schmerze anderer verstand.

Wir waren vollzählig. Das konnte man dem Lärmpegel der reibenden Funktionsjackenstoffe entnehmen. Yann Tiersen’s wohl bekannteste Komposition „Comptine d`un autre ete“ erklang aus den mickrigen Lautsprecherboxen.

Das erinnerte mich an die Beerdigung meiner anderen Oma. Dort hatte man die Karaokeversion von „My Heart Will Go On“ gespielt. Es wurde mit „Und jetzt, sehr verehrte Anwesende. Das Titaniclied“ angekündigt.

 

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Eine Frau die mir gänzlich unbekannt war, deren anteilnahmsartige Weise zu gehen jedoch signalisierte, dass sie zum engeren Famlilienkreise gehören musste, ergriff das Pult. Sie machte einen soliden Rednereindruck. Na gut. An manchen Stellen hätte ich mir schon eine dramatischere Betonung, eine gehauchtere Stimme und generell mehr Gefühl für Sprachrhythmik gewünscht.

Zu meiner Beerdigung werde ich, in Andenken an meine Oma, den Synchronsprecher von Leonardo Dicaprio bestellen. Und Katy Perry performt die Akustikversion von „The One That Got Away“. Ich sollte nicht sterben. Das kann ich mir nicht leisten.

Nach der allgemeinen Trauerbekundung tat diese Frau dann etwas, das mir bis heute völlig unbegreiflich ist. So ganz nebenbei. Und alle Anwesenden waren auch irgendwie völlig fein damit. Sagte sie, dass sie ganz lange darüber nachgedacht hatte, ob sie das wirklich tun sollte. Und dann begann sie einfach aus dem Tagebuch meines toten Cousins vorzulesen.

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Seine erste und letzte Reise führte ihn nach Südamerika. Allein. Das sollte man doch vielleicht mal akzeptieren. Dieses allein. Tagebücher schreibt man nicht, damit sie jemand liest. Tagebücher schreibt man, damit man nicht wahnsinnig wird. Und natürlich waren die Geschichten total niedlich. Wie aufgeregt er bei den Vorbereitungen war. Wie er darüber nachdachte, nie wieder in sein altes Leben zurückzukehren. Und wie er bei einer Trekkingtour den Hintern eines Mädchens beschrieb, mit dem er die nächsten sechs Monate verbringen würde. Es gab uns allen das Gefühl, etwas Wichtiges mit ihm erlebt zu haben. Aber das haben wir nicht. Keiner von uns. Und das hätte er vielleicht auch gar nicht gewollt. Und auch der Film seiner Reise war nicht für uns bestimmt. Der war für sein Mädchen.

Tränen drücken halt stärker, wenn man das Gefühl hat, den verstorbenen gekannt zu haben. Nur haben ihn die meisten von uns nicht gekannt.

Mein Cousin war introvertiert. Die Wenigsten hier haben auch nur versucht, ihn kennenzulernen. Auch ich nicht. Das ist beschämend. Da überkam mich so ein urbitterer Nachgeschmack, dass ich es kaum noch aushielt. Ich weinte auf der Schulter meines Vaters. Und als seine Mauer brach, hielt ich ihn. Wir haben getrauert. Das war echt. Aber wir trauerten um einen Menschen, den wir gerade erst kennenglernt hatten.

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Als seine große Schwester dann das Wort ergriff, zog es an den letzten Zentimetern Boden unter unseren Füßen. Es schien, als würde sie für immer dort oben stehenbleiben, um vielleicht eines Tages erfolgreich nach Luft zu schnappen.

Wir sahen sie mit den wohlwollenden Augen hunderter Mütter an, die ihren Kindern dabei zujubelten, wie sie nach diesem verheerenden Unfall wieder ihre ersten eigenen Schritte machten.

Wir wollten stolz auf sie sein. Wir wollten unsere Hoffnung. Unseren Beweis auf ein Leben nach dem Schicksalsschlag. Und als sie es dann tatsächlich schaffte, wurde unsere Hoffnung mit dem strammen Handrücken der Realität unsachte geohrfeigt. Sie sagte vier Worte, die uns etwas Wichtiges zu verstehen gaben. Leben ist unfassbar. Leben ist sinnlos. Leben kannst du nicht meistern. Sie sagte: „Mein kleiner Bruder ist tot.“

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