Juden und Christen in Deutschland – ziemlich beste Freunde?

Leute, unser aller Aufmerksamkeit ist gefragt. Wolfgang Bosbach (CDU), der ehemalige Vorsitzende des parlamentarischen Innenausschusses im deutschen Bundestag, hat uns etwas Wichtiges zu sagen. Und ich muss gleich vorwegnehmen; der fraglos etwas unbequeme „Geradeausdenker“ war nie einer, der nur um der Macht Willen die Aufmerksamkeit suchte. Bosbach schlief sich auch nicht hoch in Merkels politischem Berlin. Wenn so ein Mann öffentlich etwas sagt, dann ist das nicht nur in Günther-Oettinger-Manier frei von der Leber weg geplaudert. Es ist auch kein locker room talk wie beim 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump. Wolfgang Bosbach weiß, was er sagt. Hören wir ihm also genau zu:

Wolfgang Bosbach

Merkel ist an allem Schuld! Bei der Landtagswahl in Mecklenburg Vorpommern war die CDU (19,0 %) hinter die AfD (20,8 %) gefallen. Für Bosbach besteht kein Zweifel, dass vor allem die völlig verfehlte Flüchtlingspolitik das verursacht haben muss. Zwar entspräche die Angstpropaganda der AfD, die in einem Bundesland mit knapp 4 % Ausländeranteil bereits von einem „Flüchtlingschaos“ spricht, nicht den Tatsachen. Doch würden eben Sätze wie “Der Islam gehört zu Deutschland“ irritieren. Und auch wenn für Bosbach deutsche Muslime natürlich zur deutschen Gesellschaft gehören, so gehören sie aber offenbar nicht zur deutschen Identität.

Zugegeben; nichts davon ist neu. Bosbach ist nicht der erste, der so etwas sagt. Seit über 15 Jahren hört man von überall her den Ruf der deutschen Feuilleton-Muezzins:

Deutschland besitzt eine christlich-jüdische Tradition!

Was aber soll dieses krude Schwadronat eigentlich bedeuten?

Hatte nicht bereits im Jahr 2001 der Schriftsteller Navid Kermani zu bedenken gegeben, dass zwischen „religiöser Tradition und soziopolitischer Realität“ unterschieden werden müsse? Kermani gehört zu einer aussterbenden Spezies. Er ist Intellektueller. Was Bosbach kleinbürgerlich probiert, lebt Kermani virtuos. Er ist wortgewandt, integer, inspirativ. 2014 hielt Kermani die Festrede zum 65-jährigen Bestehen des Grundgesetzes. Und kurzzeitig war er sogar als Gauk-Nachfolger im Gespräch – abgeschmettert allerdings von Seehofer, der sich einen Muslimen als Staatsoberhaupt zurzeit nicht vorstellen kann.

Navid Kermani

Ok zugegeben, Kermani ist Muslim. Doch wenn nötig hätte ich auch noch einen Christen im Angebot. Wolfgang Huber, der protestantische Vorzeige-Theologe, hatte 2004 Europa gegen Erdogans Vorwurf verteidigt, der Kontinent gebäre sich als eine Art „Christlicher Club“. Gleichzeitig ermahnte Huber aber auch die Europäer, ihre Traditionen nicht als christliches Monopol anzusehen. Für den Theologen fußt Europa auf drei Säulen: Athen, Rom und Jerusalem. Mit Athen ist übrigens der antike Stadtstaat gemeint, eine kriegerisch-patriarchalische Gesellschaft in der Frauen ähnlich emanzipiert waren wie heute in Saudi Arabien.

Lieber Herr Bosbach, ich weiß, sie sind braver Katholik. Aber meinen Sie nicht auch, dass es angemessen wäre, sich mit den Äußerungen der Herren Kermani und Huber wenigstens einmal auseinander zu setzen? Und selbst wenn Ihnen keiner der beiden zusagt; vielleicht fragen sie einfach einmal unsere Geschichte, was genau es mit Ihrer christlich-jüdischen Tradition auf sich hat:

Natürlich schaut ein jeder Deutsche gerne auf so geniale Glanzlichter wie Albert Einstein, Heinrich Heine, Hannah Arendt, Moses Mendelsohn, Walter Gropius, Max Liebermann und ich als Archäologe natürlich auf den Architekten des Pergamonmuseums, Alfred Messel. Deutschland – das Beste, das die Bosbachs unserer Zeit kennen – wäre um Wesentliches ärmer ohne Juden!

Neue Synagoge in Berlin

Doch bitte vergessen wir dabei nicht den Preis, den die Juden für ihren Kulturbeitrag zu zahlen hatten: Zum Beispiel das sogenannte Rindfleischprogrom (1298), die fränkische Armledererhebung (um 1334) und überhaupt all die deutschlandweiten Pestpogrome (um 1350). Luthers judenfeindliche Schriften (1543-46), sowie all die antijüdische Exzesse während des dreißigjährigen Krieges und im Verlauf der Revolution von 1848/49. Deutsche Juden waren damals den gleichen Vorwürfen ausgesetzt wie heute Muslime. Ihnen wurde Integrationsunwilligkeit und Unvereinbarkeit mit der vorherrschenden Rechtslage unterstellt. Die Thora galt als unmoralisch und inkompatibel mit einer deutschen Leitkultur. Jahrzehntelang versuchten die Juden sich zu integrieren. Sie deutschten ihre Namen ein, einige konvertierten sogar zum Christentum und über 12.000 fielen für Deutschland im Ersten Weltkrieg. Doch all diese Anstrengungen wurden in einer Art und Weise belohnt, die sich heute, am 9. November 2016, zum 78. Mal jährt.\r\n

Kleriker taufen jüdische Kinder (Straßburger Pogrom, 1349)

Nein, es gab keine jüdisch-christliche Tradition, sie ist eine Erfindung der europäischen Moderne und ein Lieblingskind der traumatisierten Deutschen. (Kermani, 2001)

Nach Auschwitz die Juden plötzlich ins Boot deutscher Identität zu zerren, ist als würde ein Vergewaltiger nach verübter Tat sein Opfer tätschelnd beschwichtigen: „Ach komm‘ war doch alles halb so schlimm! Und wir hatten doch auch schöne Momente“ Wer so etwas übrigens geschmacklos findet, dem sei folgendes Brandenburger Bonmont vorgelegt:

Ronny: Was ist der Unterschied zwischen Moslems und Juden?

Kevin: Keine Ahnung.

Ronny: Die Juden haben ihren Holocaust schon hinter sich!

Merken beide Religionen denn nicht, dass sie von der dritten gegeneinander ausgespielt werden? Haben Juden und Muslime etwa ihre eigene gemeinsame Geschichte vergessen? Der große Rabbiner, Moses Maimonides, lebte Andalusien, Marokko und Ägypten. Und als 1493 christliche Spanier begannen Juden zu verfolgen, fanden tausende Asyl in der damaligen Türkei. Leute, es gibt einen Grund dafür, dass die Neue Synagoge in Berlin im Stil einer maurischem Moschee erbaut wurde. Müssten geschichtsbewusste Juden nicht mindestens auch eine jüdisch-muslimische Tradition beschwören? Sicherlich keine Bilderbuchehe, doch zumindest ohne Holocaust.

Fassade der ehemaligen Hauptmoschee von Cordoba

Kommen wir zum Punkt: Lieber Herr Bosbach, bevor Sie Juden vor den Karren ihrer Antiislam-Kampagnen zu spannen, empfehle ich ihnen die Lektüre von Lessings „Nathan der Weise“. Es gibt keine jüdisch-christliche Tradition, die den Islam ausklammern könnte. Alle drei Religionen haben den gleichen Gott. Sie verfügen über einen nahezu identischen Fuhrpark von Propheten. Und ihre heiligen Schriften propagieren das gleiche gottverdammte Frauenbild.

Fürchten wir uns also nicht so sehr vor dem, was passiert, wenn der Islam zu Deutschland gehört! Fürchten wir uns lieber vor dem, was passiert, wenn es sich Politiker wie Horst Seehofer weiterhin ungestraft erlauben können, Bürger als Kandidaten für das Bundespräsidentenamt auszuschließen einzig aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit! GG Artikel 4, Absatz 3.

 

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